Schmierfett und ein paar Münchner im Himmel

Im April 1993 bot die Stuttgarter S-Bahn plötzlich ein Bild, das hier eigentlich nicht hingehörte: blaue Münchner Triebzüge rollten durch Bad Cannstatt, Plochingen und die Schwabstraße. Dazu kamen Fahrzeuge aus Frankfurt und sogar lokbespannte Ersatzzüge. Der Grund für diesen ungewöhnlichen Gastverkehr war allerdings alles andere als erfreulich.

Ein neues Schmierfett hatte dafür gesorgt, dass praktisch der gesamte Stuttgarter Fahrzeugpark der Baureihe 420 vorsorglich aus dem Verkehr gezogen werden musste. Was für die Fahrgäste erhebliche Einschränkungen bedeutete, bescherte Eisenbahnfreunden für einige Wochen eine Fahrzeugvielfalt, die es bei der Stuttgarter S-Bahn vorher und nachher kaum noch einmal gab.

Münchner S-Bahn-Triebzug 420 532-4 in Stuttgart-Bad Cannstatt
Der Münchner 420 532-4 verlässt am 25. April 1993 Bad Cannstatt in Richtung Stuttgart.

Als die Stuttgarter 420er plötzlich stehen blieben

Am Montag, dem 19. April 1993, wurde an einem Stuttgarter S-Bahn-Zug ungewöhnlich starker Verschleiß an den Radreifen festgestellt. Als sich zeigte, dass weitere Fahrzeuge betroffen waren, reagierte die Bahn drastisch: Der Stuttgarter Bestand der Baureihe 420 wurde vorsorglich stillgelegt.

Das traf die S-Bahn hart. Damals standen in Stuttgart 112 Triebzüge zur Verfügung. Ersatz ließ sich kurzfristig nur in vergleichsweise bescheidenem Umfang organisieren: sechs Züge kamen aus München, weitere 15 aus Frankfurt. Mit 21 geliehenen Triebzügen ließ sich ein Bestand von 112 Fahrzeugen natürlich nicht annähernd ersetzen.

Blauer Münchner Triebzug der Baureihe 420 im Bahnbetriebswerk Plochingen
Ein ungewohnter Farbtupfer im Betriebswerk Plochingen: ein Münchner 420 in der ursprünglichen blauen Farbgebung.

Ein paar Münchner im Himmel

Unter den aus München geschickten Fahrzeugen befanden sich einige besonders auffällige Gäste. Zur Eröffnung der Münchner S-Bahn anlässlich der Olympischen Spiele 1972 waren die dortigen Fahrzeuge in Blau und Weiß gestaltet worden. Auch Züge der späteren Münchner Flughafen-S-Bahn trugen eine blaue Farbgebung.

Und so standen und fuhren im Frühjahr 1993 plötzlich blaue Münchner 420er mitten im Stuttgarter S-Bahn-Netz. Zwischen den damals vertrauten orange-kieselgrauen Zügen waren sie kaum zu übersehen.

Münchner Flughafen-S-Bahn 420 179-4 in Stuttgart-Bad Cannstatt
420 179-4 der Münchner Flughafen-S-Bahn in Stuttgart-Bad Cannstatt.
Münchner S-Bahn-Triebzug 420 676-9 im Bahnbetriebswerk Plochingen
420 676-9 im Bahnbetriebswerk Plochingen am 25. April 1993.
Münchner S-Bahn-Triebzug 420 685-0 im Bahnhof Stuttgart-Schwabstraße
420 685-0 der Münchner Flughafen-S-Bahn im Bahnhof Schwabstraße am 25. April 1993.

Natürlich kamen nicht nur blaue Münchner nach Stuttgart. Auch andere ausgeliehene 420er halfen dabei, wenigstens einen Teil des Verkehrs aufrechtzuerhalten.

S-Bahn-Triebzug 420 032-5 in Stuttgart-Zuffenhausen
420 032-5 im Ersatzverkehr in Stuttgart-Zuffenhausen.
S-Bahn-Triebzug 420 211-5 in Stuttgart-Bad Cannstatt
420 211-5 fährt in Bad Cannstatt ein.

Güterzugloks vor der S-Bahn

Doch selbst alle ausgeliehenen Triebzüge zusammen reichten nicht. Auf den Linien S4 und S5 griff die Bahn deshalb zu einer ungewöhnlichen Lösung: Lokomotiven der Baureihe 140 übernahmen S-Bahn-Leistungen mit normalen Reisezugwagen.

Da die Güterzuglokomotiven nicht wendezugfähig waren, wurde an jedes Ende des Wagenzuges eine Lok gestellt. Ein solcher Sandwich-Zug konnte am Endbahnhof die Fahrtrichtung wechseln, ohne dass eine Lok umgesetzt werden musste. Im gewöhnlichen Stuttgarter S-Bahn-Verkehr waren solche Garnituren ein ausgesprochen ungewöhnlicher Anblick.

Lokomotive 140 285-8 im S-Bahn-Ersatzverkehr bei Stuttgart-Zuffenhausen
140 285-8 im S-Bahn-Ersatzverkehr bei Zuffenhausen am 27. April 1993.
Lokomotive 140 375-7 im S-Bahn-Ersatzverkehr bei Stuttgart-Zuffenhausen
Auch 140 375-7 gehörte zu den Lokomotiven, die im Ersatzverkehr eingesetzt wurden.
Baureihe 140 mit Güterzug und im S-Bahn-Ersatzverkehr bei Zuffenhausen
Zwei Welten der Baureihe 140 bei Zuffenhausen: 140 863-2 mit einem Güterzug und 140 440-9 im S-Bahn-Ersatzverkehr.
Lokomotive 140 426-8 im Stuttgarter S-Bahn-Ersatzverkehr
140 426-8 im S-Bahn-Ersatzverkehr bei Zuffenhausen am 2. Mai 1993.

Schuld war das Schmierfett

Als Ursache des ungewöhnlich hohen Radreifenverschleißes stellte sich schließlich ausgerechnet das Schmiermittel der Spurkranzschmierung heraus. Das neu verwendete und preiswertere Fett entsprach zwar den dafür festgelegten Spezifikationen. Im tatsächlichen Betrieb erfüllte es seine Aufgabe jedoch offensichtlich nicht so, wie es die theoretischen Vorgaben erwarten ließen.

Ein unscheinbarer Betriebsstoff hatte damit einen kompletten S-Bahn-Fuhrpark aus dem Takt gebracht. Für Stuttgart bedeutete das erhebliche Einschränkungen – und für kurze Zeit einen Fahrzeugpark, in dem Münchner, Frankfurter und Güterzuglokomotiven gemeinsam halfen, den Verkehr überhaupt am Laufen zu halten.

Mehr als drei Jahrzehnte später sind vor allem die Bilder geblieben: blaue Münchner 420er in Bad Cannstatt und Plochingen und schwere 140er vor Reisezugwagen auf Strecken, auf denen normalerweise ausschließlich S-Bahn-Triebzüge unterwegs waren. Eine außergewöhnliche Episode der Stuttgarter S-Bahn-Geschichte – ausgelöst durch ein paar Kilogramm Schmierfett.