Ein Eisenbahnerleben in Akten – Johann Gottfried Grosche

Die Personalakte Johann Gottfried Grosches erzählt kein Leben in großen Gesten. Sie erzählt es in Versetzungsverfügungen, Prüfungszeugnissen, Gehaltserhöhungen, Fahrkarten, Kassenbeiträgen, Ernennungsurkunden und Dienstwohnungen. Gerade deshalb ist sie ungewöhnlich dicht. Über fast ein halbes Jahrhundert lässt sich verfolgen, wie aus einem jungen Mann, dem die Eisenbahn 1874 zunächst nicht einmal eine feste Anstellung versprechen wollte, ein Stationsvorsteher, Oberbahnhofsvorsteher, Betriebskontrolleur und Rechnungsrat wurde – und wie er nach seiner Pensionierung keineswegs aufhörte, Eisenbahner zu sein.

Ein junger Mann ohne Anspruch auf eine Beamtenstelle

Johann Gottfried Grosche wurde am 27. August 1856 in Aldenhoven im Kreis Jülich geboren. Sein später eingereichter Lebenslauf nennt als Eltern Friedrich August Grosche und Catharina Grosche, geborene Theissen. Ein 1881 ausgestellter kirchlicher Auszug wird noch genauer: Dort heißt der Vater Friedrich August Grosche, Schlosser in Aldenhoven, die Mutter Johanna Catharina Thyßen; Johann Gottfried sei am Morgen des 27. August geboren und am 7. September 1856 getauft worden. Die Akte bewahrt damit zwei leicht unterschiedliche Beschreibungen des Vaters beziehungsweise der Namensschreibung der Mutter, ohne dass man sie künstlich miteinander in Einklang bringen sollte.

Sein Eintritt in die Eisenbahnwelt geschah keineswegs auf einer sicheren Beamtenlaufbahn. Am 22. Mai 1874 schrieb ihm die Königliche Eisenbahn-Commission, sie sei bereit, ihn in der Güter-Expedition Elberfeld-Steinbeck als „Gehülfen“ einzusetzen – ausdrücklich versuchsweise, gegen zunächst 22½ Silbergroschen tägliche Diäten. Eine etatsmäßige Anstellung könne man ihm wegen der fehlenden Vorbereitungsdienstzeit nicht sicher in Aussicht stellen. Wenn er sich nicht bewähre, könne er jederzeit entlassen werden; wolle er selbst gehen, müsse er vier Wochen vorher kündigen. Selten lässt sich der Ausgangspunkt einer Beamtenkarriere so deutlich lesen: Grosche begann als jederzeit entlassbarer Hilfsbediensteter.

Einstellungsschreiben für Johann Gottfried Grosche vom 22. Mai 1874
Mit diesem Schreiben vom 22. Mai 1874 begann Grosches Eisenbahnlaufbahn. Die Königliche Eisenbahn-Commission stellte ihn zunächst nur versuchsweise als Gehülfen bei der Güter-Expedition Elberfeld-Steinbeck ein.

Hinter diesem Arbeitgeber stand damals noch die Welt der Bergisch-Märkischen Eisenbahn. Sie war eine der großen privaten Eisenbahngesellschaften des rheinisch-westfälischen Industriegebiets; ihre Verwaltung saß in Elberfeld. Das Netz war für die industrielle Entwicklung zwischen Rhein, Ruhr, Wupper und Westfalen von enormer Bedeutung. Der preußische Staat gewann immer stärkeren Einfluss und übernahm schließlich den Betrieb; 1882 wurde das Unternehmen endgültig verstaatlicht. Grosches persönliche Laufbahn verläuft damit fast modellhaft durch den Übergang vom großen Privatbahnzeitalter zur preußischen Staatseisenbahn.

Schon am 28. September 1874 folgte das erste kleine Zeichen des Aufstiegs. Rückwirkend zum 1. September wurden seine täglichen Diäten auf 25 Silbergroschen erhöht. Wenige Wochen später, am 18. November 1874, erhielt er die Nachricht, dass er die am 23. Oktober abgelegte Prüfung bestanden habe. Die Kommission verband die Mitteilung mit der Erwartung, dass er seine Kenntnisse im Eisenbahnwesen weiter ausbauen und sich zu einem brauchbaren Beamten entwickeln werde.

Am 21. August 1875 kam die erste Versetzung. Auf seinen eigenen Antrag sollte Grosche in demselben Rang nach Opladen wechseln. Sobald er in Elberfeld von seinen bisherigen Geschäften entbunden sei, müsse er sich beim Vorsteher der dortigen Güterexpedition melden. Die Verwaltung gewährte freie Fahrt für ihn und seine Haushaltsangehörigen sowie kostenlosen Transport des Umzugsguts. Solche Details werden die folgenden Jahrzehnte begleiten: Karriere bei der Eisenbahn hieß auch, dass die Eisenbahn den Wohnort bestimmte und die Familie immer wieder mitziehen musste.

Dann offenbart ein Schreiben vom 8. April 1876, wie unsicher Grosches Stellung immer noch war. Es ging grundsätzlich um Mitarbeiter, die keine gesetzliche „Anstellungsberechtigung“ besaßen – also etwa nicht zu den bevorzugt zu berücksichtigenden Militär- oder Zivilanwärtern gehörten. Solche Personen durften zunächst nur aushilfsweise beschäftigt werden; für eine längere Verwendung waren besondere Genehmigungen erforderlich. Bei Grosche war aber ausdrücklich nicht nur eine kurzfristige Aushilfe vorgesehen. Seine fortdauernde Beschäftigung war ministeriell genehmigt worden. Noch immer besaß er damit keinen Anspruch auf eine Beamtenstelle, doch die Eisenbahn hatte sich entschieden, ihn zu halten.

Vom Diätar zum geprüften Stationsbeamten

Am 20. August 1877 wurde aus der täglichen Entlohnung ein fest umrissenes Jahreseinkommen: Grosches Diäten wurden ab 1. August auf 900 Mark jährlich festgesetzt, zugleich trat er in die Pensionskasse ein. Davon gingen unter anderem sechs Mark an die gemeinsame Pensions- und Unterstützungskasse sowie Beiträge für Kranken- und Kleiderkasse ab. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Jahresverdienst in Industrie, Handel und Verkehr lag 1875 bei rund 651 Mark und 1880 bei nur 545 Mark. Grosche bewegte sich mit seinen 900 Mark bereits deutlich oberhalb dieses groben Vergleichswertes.

Ein entscheidendes Dokument folgte am 25. September 1878. Ein Ministerialerlass vom 12. September hatte seiner dauernden Beschäftigung im Expeditionsdienst der Staatseisenbahn zugestimmt. Zugleich wurde ihm eröffnet, dass er nun die Zulassung zur Prüfung für Stations-Assistenten beantragen könne. Dafür benötigte er unter anderem einen Nachweis über Kenntnisse im elektromagnetischen Telegraphendienst.

Am 2. Januar 1879 tat Grosche genau das. Von Opladen aus beantragte er bei der Königlichen Eisenbahn-Commission die Zulassung zur Stations-Assistenten-Prüfung und verwies auf seine Ausbildung am elektromagnetischen Telegraphen. Sein Lebenslauf lag bei. Auch eine dienstliche Beurteilung gehört zu diesem Vorgang: Der Güter-Expedient Lachner beschrieb Grosche als nützlichen und geeigneten Beamten, dessen Führung „tadellos“ sei und dessen Fleiß „volle Anerkennung“ verdiene; er könne ohne Bedenken mit einer kleineren Expedition betraut werden.

Am 17. April 1879 kam die Zulassung: Grosche sollte am 12. Mai morgens um neun Uhr zur Stations-Assistenten-Prüfung erscheinen; für die Reise hatte ihm der Stationsvorsteher einen Freifahrtschein auszustellen. Am 12. Mai bestand er die Prüfung nach dem Reglement vom 30. November 1874 mit dem Gesamtprädikat „befriedigend“.

Und am 3. Juli 1879 sandte ihm die Verwaltung den vorgeschriebenen Befähigungsnachweis zu – nicht ohne anzukündigen, dass dafür 1 Mark 50 Pfennig Stempelgebühr von seinen nächsten Diäten einbehalten werde. Selbst der berufliche Aufstieg hatte seinen Gebührenzettel.

Dazwischen beziehungsweise dazu gehört auch der Nachweis, dass Grosche tatsächlich in der Bedienung des elektromagnetischen Telegraphen ausgebildet worden war. Der Telegraphen-Inspektor Schwenzel hatte dies am 24. Dezember 1878 in Elberfeld bescheinigt; eine Abschrift wurde am 19. März 1880 in Opladen beglaubigt. Telegraphie und Eisenbahnbetrieb waren damals eng miteinander verbunden: Wer Züge sicher disponieren wollte, musste auch Nachrichtenverkehr beherrschen.

Das Gehalt wuchs weiter. Zum 1. November 1879 stieg es auf 1.080 Mark. Am 12. April 1880 – dieses Blatt ist in der Akte zweimal überliefert – wurde Grosche mitgeteilt, dass seine „Diäten“ ab dem 1. Mai auf 1.170 Mark erhöht würden; 7 Mark 80 Pfennig waren als gemeinsamer Pensionsbeitrag und 12 Mark 96 Pfennig für die Krankenkasse fällig. Gegenüber dem durchschnittlichen Arbeitnehmerverdienst von rund 545 Mark im Jahr 1880 entsprach das gut dem Doppelten.

Zum 1. Juni 1881 stiegen seine Diäten abermals, nun auf 1.260 Mark jährlich, monatlich im Voraus gezahlt. Die Akte nennt dazu 8 Mark 40 Pfennig Pensionsbeitrag, 13 Mark 92 Pfennig Krankenkassenbeitrag und 63 Mark für die Kleiderkasse. Der Beamte Grosche war inzwischen nicht nur fachlich etabliert; sein Einkommen lag beim mehr als Doppelten des Vergleichswerts von 1880.

Heirat, Versorgung und die Bürokratie einer Beamtenexistenz

Am 19. November 1881 heiratete Grosche Elisabeth Munkel. Gerade die Eisenbahnakte macht sichtbar, dass eine Heirat für einen Beamten auch eine versicherungsrechtliche Angelegenheit war. Im Dezember 1881 wurden wegen der Eheschließung Beiträge zur Witwenversicherung beziehungsweise erhöhte Krankenkassenbeiträge festgesetzt: Bei 1.260 Mark Einkommen nennt das Dokument jährlich 42 Mark 24 Pfennig für die Witwenkasse und 17 Mark 64 Pfennig für die Krankenkasse.

Schon am 1. Februar 1882 erhöhte sich das Einkommen auf 1.350 Mark. Wieder werden sämtliche Nebenrechnungen aufgeführt: neun Mark gemeinsamer Pensionsbeitrag, 45 Mark 24 Pfennig Witwenversicherungsbeitrag, 18 Mark 96 Pfennig Krankenkasse und 63 Mark Kleiderkasse; gleichzeitig stieg die Kleidervergütung für die Dienstkleidung auf 64 Mark 50 Pfennig. Bei einem Vergleichsverdienst um 545 Mark war Grosches Jahreseinkommen nun ungefähr zweieinhalbmal so hoch.

Vier weitere Seiten der Akte wirken zunächst wie ein Fremdkörper: das Amtsblatt der Königlichen Eisenbahn-Direction Elberfeld vom 6. September 1882. Tatsächlich gehören sie unmittelbar in Grosches Beamtenleben. Das neue Gesetz über die Fürsorge für Witwen und Waisen unmittelbarer Staatsbeamter zwang verheiratete Eisenbahner zu Entscheidungen über alte Bahn-Witwenkassen und die neue staatliche Versorgung.

Das Amtsblatt erläuterte, wie ein Beamter aus der bisherigen Bergisch-Märkischen Witwenkasse ausscheiden, Beiträge zurückerhalten, in beiden Systemen bleiben oder sich unter bestimmten Voraussetzungen von den neuen gesetzlichen Beiträgen befreien lassen konnte. Formblätter regelten selbst die Erklärung des Beamten. Welche Option Grosche persönlich wählte, belegt dieses Dokument nicht; es zeigt aber die sozialrechtliche Welt, in der er sich nach seiner Heirat bewegte.

Am 31. Mai 1883 erreichte die Karriere einen neuen Abschnitt. Grosche wurde zum Expeditions-Vorsteher beziehungsweise Assistenten für den Expeditionsdienst ernannt und erhielt eine etatsmäßige Stelle im Bezirk der Königlichen Eisenbahn-Direction Elberfeld. Das Blatt verzeichnet ein Gehalt von 1.500 Mark und weitere pensionsfähige Bezüge; zugleich werden wiederum Pensions-, Witwen- und Waisenbeiträge sowie Kleidergeld minutiös berechnet. Die beiläufigen Zahlen zeigen den Abstand, den Grosche inzwischen zu seinem Ausgangspunkt von 1874 gewonnen hatte.

Verfügung vom 31. Mai 1883: Johann Gottfried Grosche wird zum Expeditions-Vorsteher
Mit Verfügung vom 31. Mai 1883 wurde Johann Gottfried Grosche zum Expeditions-Vorsteher beziehungsweise Assistenten für den Expeditionsdienst ernannt. Zugleich erhielt er eine etatsmäßige Stelle in Opladen mit 1.500 Mark Jahresgehalt.“

Am 7. Mai 1884 wurde die monatliche Vergütung von 112 Mark 50 Pfennig auf 125 Mark erhöht – also von 1.350 auf 1.500 Mark jährlich. Die Akte nennt unter anderem 10 Mark 8 Pfennig für die Pension, 50 Mark 28 Pfennig Witwenversicherung, 21 Mark Krankenkasse und 63 Mark Kleiderkasse. Wegen des höheren Einkommens wurde außerdem der für die Dienstwohnung anzurechnende Betrag auf 75 Mark jährlich angehoben. 1.500 Mark waren im Vergleich mit einem durchschnittlichen Arbeitnehmerverdienst von 581 Mark im Jahr 1885 etwa das Zweieinhalbfache.

1885 griff die Verwaltung die Witwen- und Waisenfrage erneut auf. Grosche musste im Zusammenhang mit seiner etatsmäßigen Stellung zwischen mehreren Varianten wählen: gesetzliche staatliche Versorgung, die ältere Bahn-Witwenkasse, beide Systeme oder entsprechende Austritts- und Rückerstattungsmodelle. Das zweiseitige Schreiben erläuterte sogar, in welchen Fällen frühere Beiträge ganz oder teilweise zurückgezahlt werden sollten. Die Personalakte zeigt hier besonders schön, wie sehr eine preußische Beamtenkarriere aus einem Geflecht von Besoldung, Altersversorgung, Familienversorgung und formellen Wahlrechten bestand.

Die zweite große Prüfung – und der Weg zum Stationsvorsteher

Am 22. Mai 1885 wurde Grosche der Prüfungskommission für die Stationsvorsteherprüfung überwiesen. Die schriftliche Prüfung sollte am 27. Juni um 8.30 Uhr beginnen und sechs Stunden dauern; die mündliche folgte am 4. Juli um 9.30 Uhr.

Das Ergebnis war besser als sieben Jahre zuvor: Die Bescheinigung vom 9. Juli 1885 hält fest, dass Johann Gottfried Grosche die schriftliche und mündliche Prüfung nach den einschlägigen Reglements abgelegt und das Gesamtprädikat „gut“ erhalten hatte. Ein weiteres Schreiben vom 1. August 1885 bestätigte auch für die schriftliche Prüfung ausdrücklich das Prädikat „gut“ und kündigte die Aushändigung des eigentlichen Zeugnisses nach Zahlung von 1 Mark 50 Pfennig Stempelgebühr an.

Am 5. Mai 1886 kam der nächste Ortswechsel. Zum 1. Juni wurde Grosche von Opladen in gleicher Diensteigenschaft nach Elberfeld-Döppersberg versetzt. Umzugskosten, freie Fahrt für ihn und seine Familie sowie frachtfreier Möbeltransport wurden übernommen; das Einkommen sollte künftig über die Stationskasse Elberfeld-Döppersberg laufen. Kurz darauf wurde ihm mitgeteilt, dass er dort einen gesetzlichen Wohnungsgeldzuschuss von 432 Mark jährlich beziehen werde und seine bisherige Dienstwohnung in Opladen räumen müsse.

Zum 1. April 1888 stieg sein Gehalt von 1.500 auf 1.575 Mark. Im April 1889 folgte der Sprung auf 1.700 Mark. Der durchschnittliche Jahresverdienst in Industrie, Handel und Verkehr lag 1890 bei etwa 650 Mark; Grosches Grundgehalt entsprach damit ungefähr dem Zweieinhalbfachen.

Dazwischen lag der wohl symbolisch wichtigste Akt seiner bisherigen Karriere. Am 25. März 1889 wurde Grosche „Im Namen des Königs“ zum Königlichen Eisenbahn-Stations-Assistenten ernannt und bestellt. Die Urkunde verlangte die damals übliche Treue zum König und seinem Haus sowie gewissenhafte Erfüllung der Amtspflichten. Ein Begleitschreiben desselben Tages bestätigte ausdrücklich, dass damit auch der bisherige Kündigungsvorbehalt wegfiel. Fünfzehn Jahre nachdem ihm die Eisenbahn keine etatsmäßige Zukunft hatte versprechen wollen, war Grosche endgültig königlicher Beamter.

Zum 1. Mai 1889 wechselte er innerhalb Elberfelds von Döppersberg nach Elberfeld-Steinbeck. Da die Versetzung innerhalb desselben Gemeindebezirks erfolgte, gab es diesmal keine Reisekosten; der Wohnungsgeldzuschuss blieb unverändert. Im Oktober bewilligte man ihm wegen der ungünstigen Preisverhältnisse seines Wohnorts und zugleich in Anerkennung seiner Leistungen eine einmalige Remuneration von 45 Mark.

Solingen, Kalk, Hagen – Verantwortung für ganze Stationen

Zum 10. Februar 1890 wurde Grosche nach Solingen-Nord versetzt. Dort sollte er die gesamten Geschäfte der Station übernehmen. Weil er auch die Stationskasse zu führen hatte, musste er eine Amtskaution von 900 Mark stellen. Während dieser Tätigkeit durfte er die Amtsbezeichnung „Stations-Assistent“ führen. Die Verwaltung übernahm erneut Umzugskosten, Personenbeförderung und Fracht des Hausrats.

Doch Solingen blieb nur eine Zwischenstation. Zum 1. November 1890 wurde Grosche nach Kalk versetzt. Wieder gab es Umzugskosten, freie Fahrt und frachtfreie Beförderung des Hausrats. Ein eigentlich zustehender Wohnungsgeldzuschuss von 360 Mark jährlich entfiel, weil ihm dort eine Dienstwohnung zugewiesen wurde.

Der vorläufige Aufstieg zum Stationsvorsteher kam im Frühjahr 1893. Mit Verfügung vom 31. März erhielt Grosche zunächst eine für einen Stationsvorsteher II. Klasse vorgesehene Stelle in Kalk; die förmliche Ernennung sollte erst später folgen, bis dahin lief sein bisheriges Einkommen weiter. Am 29. April erfolgte sie tatsächlich: Grosche wurde rückwirkend zum 1. April zum Königlichen Eisenbahn-Stationsvorsteher II. Klasse ernannt. Das Jahresgehalt betrug nun 1.935 Mark, hinzu kam der gesetzliche Wohnungsgeldzuschuss von 360 Mark, wobei die Dienstwohnung wiederum berücksichtigt wurde. Das Grundgehalt allein lag damit nahezu beim Dreifachen des durchschnittlichen Arbeitnehmerverdiensts von 665 Mark im Jahr 1895.

Ein weiteres Schreiben vom 19. März 1893 zeigt, dass zum Gehalt eine widerrufliche Stellenzulage von 240 Mark jährlich trat. Sie war vierteljährlich im Voraus zu zahlen, zählte aber nicht vollständig zu den Grundlagen für Pension und Hinterbliebenenversorgung.

Zum 1. Januar 1896 stieg sein Gehalt laut nächstem Besoldungsblatt von 1.950 auf 2.100 Mark. Dass das vorherige Blatt 1.935 Mark genannt hatte, lasse ich bewusst so stehen: Die Akte selbst verwendet diese unterschiedlichen Zahlen; ohne zusätzlichen Besoldungsnachweis sollte man sie nicht künstlich glätten.

Im Herbst desselben Jahres hieß das nächste Ziel Hagen-Eckesey. Zum 1. November 1896 wurde Grosche unter unveränderten Anstellungs- und Besoldungsverhältnissen dorthin versetzt. Er sollte rechtzeitig von seinem Amtsvorgänger die Stations- und Streckenkassengeschäfte übernehmen, erhielt dessen Dienstwohnung und behielt die widerrufliche, nicht pensionsfähige Zulage von 240 Mark. Ein gesondertes Schreiben regelte wieder die freie Fahrt der Familie und den kostenlosen Umzug des Hausrats.

Zum 1. April 1897 stieg das Jahresgehalt von 2.100 auf 2.400 Mark. Damit lag Grosches Grundgehalt um die Jahrhundertwende etwa beim Dreifachen eines durchschnittlichen Einkommens in Industrie, Handel und Verkehr, das 1900 bei ungefähr 784 Mark lag.

Schon im Dezember 1897 ging es zurück nach Opladen. Eine Verfügung vom 18. Dezember versetzte ihn zum 1. Januar 1898 unter unveränderten Anstellungs- und Besoldungsverhältnissen dorthin. Er sollte nach Ablösung des Vorgängers die Stationskasse übernehmen und erhielt die Dienstwohnung des bisherigen Stationsvorstehers I. Klasse. Die zweite Seite bestätigte, dass die nicht pensionsfähige Stellenzulage von 240 Mark weiterlief, und regelte erneut Umzugskosten, freie Fahrt und den Transport des Hausrats.

Dann kam die nächste königliche Urkunde: Zum 1. Juli 1898 wurde Johann Grosche in Opladen zum Königlichen Eisenbahn-Stationsvorsteher I. Klasse ernannt. Das Begleitschreiben setzte sein pensionsfähiges Jahresgehalt auf 2.400 Mark fest. Der vorgesehene Wohnungsgeldzuschuss für Opladen kam nicht zur Auszahlung, weil Grosche eine Dienstwohnung bewohnte; die nicht pensionsfähige Zulage von 240 Mark blieb bestehen. Ein weiteres Blatt rechnete die Krankenkassenbeiträge und die Stempelgebühr ab.

Bestallungsurkunde Johann Gottfried Grosches zum Königlichen Eisenbahn-Stationsvorsteher I. Klasse in Opladen, 1898.
Bestallung Johann Gottfried Grosches zum Königlichen Eisenbahn-Stationsvorsteher I. Klasse in Opladen, 1898.

Ein Ereignis von 1899 lässt hinter all diesen Verwaltungsakten den praktischen Eisenbahner erkennen. Am 29. März bemerkte Grosche bei der Einfahrt eines Güterzuges einen Wagen mit rund 13,5 Tonnen Ladung, der einseitig belastet war. Er ließ den Wagen aussetzen und die Ladung in Ordnung bringen, bevor die Weiterbeförderung zugelassen wurde. Für diese besondere Aufmerksamkeit erhielt er eine außerordentliche Belohnung von 30 Mark. Das entsprach immerhin mehreren Prozent eines durchschnittlichen damaligen Monatsverdienstes – aber wichtiger als die Summe ist, wofür sie gezahlt wurde: Grosche hatte eine Betriebsgefahr erkannt und beseitigen lassen.

 Außerordentliche Belohnung für das Verhindern eines Unfalls
Für seine Aufmerksamkeit bei der Einfahrt eines Güterzuges erhielt Grosche 1899 eine außerordentliche Belohnung von 30 Mark. Er hatte einen einseitig beladenen Wagen aussetzen lassen.

Düsseldorf-Derendorf, Hagen und der Schritt in die Betriebsaufsicht

Zum 1. Januar 1901 wurde Grosche von Opladen nach Düsseldorf-Derendorf versetzt, bei unveränderten Anstellungs- und Besoldungsverhältnissen. Wieder sollte er die Stationskasse übernehmen und bekam eine Dienstwohnung. Auf der Rückseite beziehungsweise Fortsetzung der Verfügung steht eine kleine, aber bezeichnende Veränderung: Seine nicht pensionsfähige Stellenzulage wurde von 200 auf 250 Mark jährlich erhöht; selbstverständlich wurden auch freie Fahrt und Umzugstransport geregelt.

Der nächste in der Akte erhaltene große Wechsel stammt vom 6. September 1907. Grosche, inzwischen als Bahnhofsvorsteher bezeichnet, wurde zum 16. September von Düsseldorf-Derendorf nach Hagen versetzt. Am neuen Dienstort erhielt er 3.800 Mark Jahresgehalt, eine Dienstwohnung und eine Stellenzulage von 300 Mark jährlich. Das war inzwischen eine deutlich gehobene Beamtenposition: Zum Vergleich lag der durchschnittliche Jahresverdienst der herangezogenen Arbeitnehmerreihe 1905 bei 849 Mark und 1910 bei 979 Mark. Grosches Grundgehalt entsprach also ungefähr dem Vierfachen dieses Vergleichseinkommens.

Nicht einmal ein Jahr später, zum 1. August 1908, kam Grosche wieder nach Elberfeld, diesmal ins Betriebsbureau. Das Schreiben nennt ihn bereits Oberbahnhofsvorsteher. Anstelle der bisherigen Dienstwohnung erhielt er 432 Mark Wohnungsgeldzuschuss; die 300-Mark-Stellenzulage fiel weg. Zugleich ruhte sein Anspruch auf freie bahnärztliche Behandlung, und der jährliche Krankenkassenbeitrag stieg auf 28 Mark 80 Pfennig.

Nur wenige Wochen später, am 26. August 1908, wurde deutlich, was seine neue Arbeit bedeutete. Für die bei der Wahrnehmung der Geschäfte eines Betriebskontrolleurs erforderlichen Dienstreisen erhielt er anstelle einzelner Tagegelder und Reisekosten eine widerrufliche Pauschale von 150 Mark monatlich. Dafür musste er ein Tagebuch führen, in dem Tag der Ab- und Rückreise, Ziel und Zweck jeder Reise vermerkt wurden. Die monatliche Pauschale allein entsprach 1.800 Mark im Jahr und war damit höher als ein durchschnittliches volles Arbeitnehmerjahreseinkommen jener Zeit – allerdings handelte es sich ausdrücklich um Ersatz für umfangreiche Dienstreisekosten und nicht um normales Gehalt.

Am 29. Juli 1909 erhielt diese Tätigkeit ihren offiziellen Namen. Vom 1. August an durfte Grosche die Amtsbezeichnung „Königlicher Eisenbahn-Betriebskontrolleur“ führen und erhielt eine entsprechende Stelle im Etat der Staatseisenbahnverwaltung. Besoldung und Anstellungsverhältnis änderten sich dadurch ausdrücklich nicht.

Vom Geprüften zum Prüfer

Nun kehrt sich ein Motiv seiner Biographie um. Jahrzehntelang war Grosche selbst geprüft worden. Ab 1911 saß er auf der anderen Seite des Tisches.

Am 5. Januar 1911 bestellte ihn der Präsident der Eisenbahndirektion ausdrücklich zum Mitglied des Ausschusses für die Prüfung zum Eisenbahnassistenten. In der Anschrift erscheint er bereits als Rechnungsrat Grosche, Betriebskontrolleur. Die folgenden umfangreichen Namenstabellen der Akte dokumentieren die Zusammensetzung verschiedener Prüfungsausschüsse. Die Namenslisten belegen, dass Grosche in den folgenden Jahren wiederholt beziehungsweise fortlaufend in den Prüfungsausschüssen der Eisenbahndirektion eingesetzt wurde, insbesondere auch 1912 und in den nachfolgenden Ausschussverzeichnissen bis 1914. Eine Verfügung erläutert außerdem, dass jeweils der ranghöhere, bei Ranggleichheit der dienstältere Beamte den Vorsitz führen sollte.

Ein kleines Dokument vom 30. Juli 1912 ist sozialgeschichtlich reizvoll: Grosche erhielt ausdrücklich die Berechtigung zum Anlegen geflochtener Achselstücke. Rang und Amtsstellung wurden in der preußischen Eisenbahnverwaltung also auch sichtbar getragen.

 Berechtigung zum Anlegen geflochtener Achselstücke.
Am 30. Juli 1912 erhielt Rechnungsrat Grosche die Berechtigung zum Anlegen geflochtener Achselstücke.

Am 18. November 1912 folgte eine handfestere Anerkennung. Für „besondere Dienstleistungen bei der Betriebsführung“ bewilligte ihm der Präsident eine außerordentliche Remuneration von 300 Mark. Das war keine symbolische Summe: Der durchschnittliche Jahresverdienst der Vergleichsgruppe lag 1913 bei 1.083 Mark; die Sonderzahlung entsprach also grob mehr als einem Viertel eines solchen Jahresverdienstes.

Krieg und das Ende des preußischen Eisenbahnerlebens

Mit dem Amtsblatt vom 29. August 1914 dringt die große Geschichte unmittelbar in Grosches Personalakte. Abgedruckt ist eine kaiserliche Botschaft nach der Mobilmachung. Die deutschen Eisenbahnen hätten die gewaltige Transportbewegung des Heeres mit „begeisterter Sicherheit und Pünktlichkeit“ bewältigt; den Eisenbahnbediensteten wurde dafür höchster Dank ausgesprochen. Für Grosche, der damals seit vierzig Jahren Eisenbahndienst hinter sich hatte und die betriebliche Kontrolle kannte, war dies kein abstrakter Zeitungstext: Die Eisenbahn war im August 1914 ein zentrales Instrument der Mobilmachung. Dass gerade dieses Amtsblatt in seiner Akte erhalten blieb, markiert die Zäsur.

Amtsblatt der Königlichen Eisenbahndirektion Elberfeld vom 29. August 1914. Die kaiserliche Botschaft würdigte die Leistungen der Eisenbahnbediensteten bei der Mobilmachung.
Amtsblatt der Königlichen Eisenbahndirektion Elberfeld vom 29. August 1914. Die kaiserliche Botschaft würdigte die Leistungen der Eisenbahnbediensteten bei der Mobilmachung.

Fünf Jahre später war das Kaiserreich verschwunden, und Grosche beantragte seinen Ruhestand. Die Verfügung vom 18. September 1919 entsprach seinem Antrag vom 12. September und versetzte ihn mit Wirkung zum 1. Januar 1920 in den Ruhestand; mit Ablauf des Dezember 1919 schied er aus dem Dienst. Das Blatt enthält zugleich die Regelung seiner Versorgungsbezüge und die üblichen Hinweise auf die dafür erforderlichen Formulare.

Verfügung vom 18. September 1919. Grosche wird auf eigenen Antrag zum 1. Januar 1920 in den Ruhestand versetzt.
Mit Verfügung vom 18. September 1919 wurde Grosche auf eigenen Antrag zum 1. Januar 1920 in den Ruhestand versetzt.

Die rückseitige handschriftliche Berechnung arbeitet mit inzwischen sehr hohen Markbeträgen und weist eine Gesamtversorgung beziehungsweise ein neu berechnetes Jahresruhegehalt aus. Gerade hier ist Vorsicht nötig: 1919 hatte die Mark bereits massiv an Kaufkraft verloren, sodass diese fünfstelligen Beträge nicht mit den 2.400 oder 3.800 Mark der Vorkriegszeit verglichen werden dürfen.

Das Ausmaß dieser Geldentwertung erklärt auch die scheinbar explosionsartig steigenden Beträge der folgenden Jahre. Der amtliche Lebenshaltungskostenindex lag Ende 1919 bereits bei ungefähr dem 5,7-Fachen des Vorkriegsniveaus und Ende 1920 bei mehr als dem 11-Fachen. Eine nominelle Verdreifachung des Einkommens konnte also real durchaus einen Kaufkraftverlust bedeuten. Für die Jahre 1919/20 wäre es deshalb gerade irreführend, Grosches Markbeträge in „so viele Brote“ umzurechnen, ohne Ort, Monat, Preisbindung und Brotsorte zu kennen. Die damaligen Markzahlen sind Inflationsgeld.

Am 8. Dezember 1919 schrieb der Präsident der Eisenbahndirektion persönlich. Zum 1. Januar trete Grosche in den Ruhestand; dies nehme er zum Anlass, ihm für seine „langjährigen treuen Dienste“, die er der Staatseisenbahnverwaltung geleistet habe, Anerkennung und Dank auszusprechen und ihm zu wünschen, dass er sich noch lange seines Ruhestandes erfreuen möge. Fast genau 45½ Jahre lagen zwischen der versuchsweisen Beschäftigung des jungen Hilfsbediensteten und diesem Abschiedsbrief.

Ruhestand – und sofort wieder Eisenbahn

Doch „Ruhestand“ ist bei Johann Gottfried Grosche ein irreführendes Wort.

Noch vor seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst hatte er am 11. Oktober 1919 in Benrath einen privaten Dienstvertrag unterschrieben. Vertragspartner war die Industrieterrains Düsseldorf-Reisholz Aktiengesellschaft, kurz I.D.R. Der Vertrag wurde am 20. Oktober zollamtlich abgestempelt. Grosche, nun ausdrücklich „Rechnungsrat“, erhielt die Stelle des verantwortlichen Betriebsleiters der Privatanschlußbahn der Gesellschaft. Außerdem hatte er die Oberleitung über den Betrieb der Rheinwerftanlage.

Dienstvertrag zwischen Johann Gottfried Grosche und der Industrieterrains Düsseldorf-Reisholz AG von 1919.
Dienstvertrag zwischen Johann Gottfried Grosche und der Industrieterrains Düsseldorf-Reisholz AG von 1919. Nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst übernahm er die Leitung der Privatanschlußbahn und der Rheinwerftanlage.

Die Wahl war kaum zufällig. Die I.D.R. war 1898 gegründet worden, um im Düsseldorfer Süden große Industrieflächen zu erschließen. Zu diesem Konzept gehörten von Anfang an eigene Gleisanlagen und Anschlüsse sowie Umschlagmöglichkeiten am Rhein. Bereits 1899 waren Übergabebahnhof und Gleisnetz weit entwickelt; in den folgenden Jahren wurde auch die Rheinwerft ausgebaut. Grosche wechselte also nicht zu irgendeinem Unternehmen, sondern zu einer Gesellschaft, deren Geschäftsmodell auf der Verbindung von Industriegelände, Privatbahn und Rheinhafen beruhte – genau an der Schnittstelle, für die seine jahrzehntelange Erfahrung wertvoll war.

Der Vertrag liest sich fast wie eine Zusammenfassung seines Berufslebens. Grosche hatte den Betrieb der Privatanschlussbahn selbständig zu leiten, das Personal und Arbeitsmaterial zu beaufsichtigen und persönlich dafür einzustehen, dass die Beschäftigten ihre Pflichten kannten und befolgten. Er musste die Verträge mit Anschlussinhabern, Ladegleis- und Werftbenutzern sowie sämtliche Sicherheits- und Ordnungsvorschriften überwachen. Ausdrücklich genannt werden ältere Anschlussbedingungen, Verträge mit der Eisenbahndirektion Elberfeld von 1899 und 1903, die Polizeiverordnung und Betriebsvorschrift für Privatanschlussbahnen von 1902, eine Dienstanweisung der I.D.R. von 1911 und die Verkehrsordnung für die Werft von 1908 mit Nachtrag von 1919. Nebentätigkeiten durfte er nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Vorstands ausüben. Der Vertrag lief auf unbestimmte Zeit und war mit sechsmonatiger Frist zum Monatsersten kündbar.

Auch die Gehaltsgeschichte dieses Vertrages ist ein kleines Dokument der Inflation. Ursprünglich waren 8.000 Mark jährlich vorgesehen. Handschriftlich wurde der Betrag später auf 20.000 Mark jährlich ab 1. April 1920 geändert. Auf den ersten Blick klingt das nach einer spektakulären Gehaltserhöhung um 150 Prozent. In der Geldwirklichkeit der Nachkriegszeit war es vor allem eine Anpassung an die rasch zerfallende Kaufkraft der Mark.

Grosche blieb rund vier Jahre. Seine Kündigung datierte bereits vom 3. März 1923; auf seinen Wunsch endete die Tätigkeit mit dem Jahresende. Am 29. Dezember 1923 schrieb ihm die Industrieterrains Düsseldorf-Reisholz AG einen bemerkenswert warmen Abschiedsbrief. Man bedauere seinen Austritt „lebhaft“, wie man ihm bereits mündlich gesagt habe, und danke ihm für die „pünktliche, erschöpfende und rastlose Erfüllung“ seiner Pflichten und für seine „vierjährige ersprießliche Mitarbeit“. Damit endet nicht nur ein Arbeitsvertrag, sondern die aktive Eisenbahnlaufbahn, soweit diese Personalakte sie erkennen lässt.

Abschiedsschreiben der Industrieterrains Düsseldorf-Reisholz AG vom 29. Dezember 1923.
Abschiedsschreiben der Industrieterrains Düsseldorf-Reisholz AG vom 29. Dezember 1923. Das Unternehmen dankte Grosche für seine „pünktliche, erschöpfende und rastlose Erfüllung“ seiner Pflichten.

Noch einmal Elberfeld

Aber die Eisenbahn vergaß ihre alten Beamten nicht – und Grosche offenbar auch die Eisenbahn nicht.

Im Oktober 1925 erhielt er Post von der inzwischen völlig anders organisierten Bahn. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Länderbahnen in der Deutschen Reichsbahn zusammengefasst worden; 1924 entstand die wirtschaftlich eigenständig organisierte Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft. Aus der alten Eisenbahndirektion war die Reichsbahndirektion Elberfeld geworden. Die Wuppertaler Stadtgeschichte zeichnet genau diesen institutionellen Wandel nach: Aus der Königlichen Eisenbahndirektion wurde 1920 die Reichsbahndirektion Elberfeld, später nach der Stadtgründung die Reichsbahndirektion Wuppertal. Grosches Akte überspannt damit gleich mehrere deutsche Eisenbahnepochen.

Am 5. Oktober 1925 lud ihn der Präsident der Reichsbahndirektion zur Feier des 75-jährigen Bestehens der „Königlichen Direktion der Bergisch-Märkischen Eisenbahn“ ein. Das Jubiläum der ältesten preußischen Eisenbahndirektion sollte am 16. Oktober im Sitzungssaal des Verwaltungsgebäudes festlich begangen werden. Der Präsident wolle ausdrücklich auch eine Anzahl pensionierter Beamter mit langer Dienstzeit begrüßen. Grosche sollte mitteilen, ob er kommen werde; nötigenfalls werde ihm ein Freifahrtausweis geschickt.

Offenbar sagte er zu. Am 12. Oktober 1925 sandte ihm die Pressestelle der Reichsbahndirektion im Auftrag des Präsidenten einen Freifahrtschein für die Reise von Benrath nach Elberfeld und zurück. Das ist das letzte Dokument der Akte.

Einladung zum 75-jährigen Bestehen der ehemaligen Bergisch-Märkischen Eisenbahndirektion 1925
1925 lud die Reichsbahndirektion Elberfeld den pensionierten Grosche zum 75-jährigen Bestehen der ehemaligen Bergisch-Märkischen Eisenbahndirektion ein. Für die Reise erhielt er einen Freifahrtschein.

So schließt sich der Kreis beinahe literarisch. 1874 war Johann Gottfried Grosche in Elberfeld-Steinbeck als versuchsweise beschäftigter Gehülfe angetreten, ohne Aussicht auf eine sichere Anstellung. 1925 holte ihn dieselbe Eisenbahnverwaltung – inzwischen unter anderem Namen, in einem anderen Staat und nach Krieg, Revolution und Inflation – als einen ihrer alten Männer nach Elberfeld zurück, um mit ihm ihre eigene Geschichte zu feiern.

Was dazwischen lag, war eine ungewöhnlich gut dokumentierte Beamtenexistenz: die erste unsichere Beschäftigung, Prüfungen und Telegraphenausbildung, Opladen und Elberfeld, Heirat und Witwenversicherung, Stationskassen und Dienstwohnungen, Solingen, Kalk, Hagen und Düsseldorf, Beförderungen vom Expeditionsgehilfen bis zum Stationsvorsteher I. Klasse, die Entdeckung eines gefährlich beladenen Güterwagens, der Aufstieg zum Oberbahnhofsvorsteher und Betriebskontrolleur, Dienstreisen, Prüfungsausschüsse und Sondervergütungen, schließlich Rechnungsrat, Pensionär – und unmittelbar danach noch einmal vier Jahre verantwortlicher Betriebsleiter einer privaten Industriebahn.

Die Personalakte nennt kein Todesdatum. Ihr letztes Wort über Johann Gottfried Grosche ist deshalb kein Todeseintrag, sondern eine Fahrkarte. Im Oktober 1925 durfte der fast siebzigjährige ehemalige Eisenbahner noch einmal kostenlos nach Elberfeld fahren – dorthin, wo seine Laufbahn ein halbes Jahrhundert zuvor begonnen hatte.

Quellen

Grundlage des Textes ist die Personalakte Johann Gottfried Grosche mit 84 Seiten, einschließlich der darin enthaltenen Urkunden, Verfügungen, Besoldungsblätter, Prüfungsunterlagen und Korrespondenz.

  • German History in Documents and Images (GHDI): Durchschnittliche Jahresverdienste von Arbeitnehmern in Industrie, Handel und Verkehr, 1871–1913.
  • Röll: Enzyklopädie des Eisenbahnwesens, Stichwort „Bergisch-Märkische Eisenbahn“ (Zeno.org).
  • GESIS / historische Preis- und Lebenshaltungskostenreihen zur deutschen Inflation 1919/20.
  • Industrieterrains Düsseldorf-Reisholz AG (IDR): Unternehmensgeschichte / historische Entwicklung von Industrieflächen, Privatbahn und Rheinwerft.
  • Stadt Wuppertal: Historie der ehemaligen Eisenbahn- bzw. Reichsbahndirektion Elberfeld/Wuppertal.